Initiative Literatur
  • Home
  • Termine
  • Der Kopf dahinter
  • Medienecho
  • Publikationen
  • Impressum
  • Rosa Schapire
  • Musiker im australischen Exil
  • Walter A. Berendsohn
  • Gustav Oelsner
  • Magdalene Schoch
  • Schriftsteller im Pariser Exil
    • Freiheitsbibliothek
    • Bibliothèque de la liberté
    • Gespräch im Goethe-Institut Paris
    • Débat à l'Institut Goethe de Paris
  • Jean Weidt
  • Elsbeth Weichmann
  • Alfred Kantorowicz
  • Die »Finisten«
  • Fluchtpunkt Marseille
  • Annemarie Schwarzenbach
  • Klaus Mann zum 100.

Die Deutsche Freiheitsbibliothek

Der Bibliothek der verbrannten Bücher (die Deutsche Freiheitsbibliothek) entstand aus Dokumenten, die kommunistische Schriftsteller und Journalisten gemeinsam im Exil zusammengeführt hatten, um ein « Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror » zu veröffentlichen – eine umfangreiche und detaillierte Dokumentation. Diese Materialien waren der Grundstock des Internationalen antifaschistischen Archivs (IAA), das in Alfred Kantorowicz’ winzigem Pariser Hotelzimmer gesammelt und geordnet wurde, und zwar vermutlich im Hotel Helvetia, rue de Tournon Nr. 23.

Wahrscheinlich war es dieser Ort, an dem Kantorowicz die Idee hatte, die Bibliothek zu gründen und den Tag der Bücherverbrennung in einen Ehrentag für das freie Buch zu verwandeln, anscheinend inspiriert durch einen offenen Brief, den Romain Rolland an eine deutsche Zeitung geschrieben hatte, ein flammender Protest gegen die Bücherverbrennung der Nazis.

In der Tat wurde Romain Rolland einer der Ehrenpräsidenten des « Komitees zur Gründung einer Bibliothek der verbrannten Bücher », das sich schon bald konstituierte, an seiner Seite André Gide und Lion Feuchtwanger. Heinrich Mann –  in den ersten Exiljahren Wortführer der Exilanten in Europa – war der Präsident, Alfred Kantorowicz der Generalsekretär, unter anderem verantwortlich für die Repräsentation der Bibliothek nach draußen.

Anfang 1934 veröffentlichte das Komitee einen Aufruf, der Bibliothek Bücher zu spenden. Viele Emigranten und französische Bürger übergaben ihre privaten Bibliotheken, teils als Spende, teils als Leihgabe. Ihre Beweggründe scheinen ganz unterschiedlich gewesen zu sein: Für die einen war es eine Geste der Solidarität mit der Bibliothek, für andere bedeutete es die Chance, ihre teilweise seltenen und kostbaren Bücher zu retten. In Großbritannien bildete sich eine Vereinigung von Förderern, die « Society of the Friends of the Library of the Burned Books ». Sie hatte sehr schnell mehrere tausend Mitglieder und unterstützte die Bibliothek mit erheblichen Geldsummen.

Ganz offensichtlich war Alfred Kantorowicz’ Hotel-Mansarde nicht länger für ein Projekt dieser Dimension geeignet. Darum mietete das Komitee im Herbst 1933 ein zweistöckiges Atelier im 13. Arrondissement, im Boulevard Arago 65.     

Hier wurde die Bibliothek eingerichtet. Sie enthielt

  • Exemplare der Bücher, die im « Dritten Reich » verbrannt, zensiert, konfisziert und unterdrückt werden;
  • zahlreiche Privatbibliotheken mit klassischer Literatur des 18., 19. und 20. Jahrhunderts ;
  • und schließlich Bücher, die zum Studium und zur Analyse des deutschen Faschismus benötigt werden.

Zum Zeitpunkt ihrer Gründung umfasste die Bibliothek bereits 11.000 Bücher – später waren es nahezu 20.000. Im Laufe der Zeit wurden weitere Materialien gesammelt und registriert:  200.000 Zeitungsausschnitte, in 700 Rubriken klassifiziert, tausende von Flugblättern, verbotenen Broschüren, Kampfschriften und anderen Dokumenten des antifaschistischen Kampfes und schließlich komplette Sammlungen der wichtigsten Zeitungen der Nazis aus dem Jahr 1933.

Die Bibliothek wird am 10. Mai 1934 eröffnet – am ersten Jahrestag des Höhepunktes der Bücherverbrennungen in Deutschland. Das Komitee möchte auf diese Weise demonstrieren, dass die verbrannten Bücher nicht verloren sind, sondern dass sie weiterhin zugänglich bleiben. Es ist die erste Manifestation der deutschen intellektuellen Emigration, und es treffen viele Solidaritätsadressen berühmter Persönlichkeiten ein.

Die Nazi-Presse reagiert aggressiv und nennt die Bibliothek « eines der gefährlichsten Instrumente, dessen sich der Jude im geistigen Kampfe gegen das neue Deutschland bedient ».

Schnell wird die Bibliothek zum intellektuellen Zentrum des Pariser Exils – sie ist ein Ort der Aufklärung und der Information. Zahlreiche Schriftsteller, Wissenschaftler, Journalisten und Studenten nutzen das Archiv für ihre Arbeit. Aber die Bibliothek ist außerdem ein Kulturzentrum: Die Exilanten organisieren Ausstellungen über die deutsche Literatur, Theateraufführungen, Kunstausstellungen, Lesungen, Chanson- und Tanzabende. Im Übrigen dient die Bibliothek einigen Emigranten, die nur über eine Notunterkunft verfügen, als Aufenthaltsort  – geheizt und sauber – , und sei es auch nur während der täglichen Öffnungszeiten von 15 bis 18 Uhr.

Die Bibliothek arbeitet eng mit einer anderen Exilschriftsteller-Organisation zusammen, dem Schutzverband deutscher Schriftsteller. Beide Organisationen verfolgen dieselben Ziele: die deutsche Literatur zu retten, zu erhalten und zu unterstützen und überdies eine gemeinsame Front gegen die Nazi-Barbarei zu bilden. Teilweise sind es dieselben Personen, die sich engagieren: z. B. Heinrich Mann als Ehrenpräsident und Alfred Kantorowicz erneut als Generalsekretär. In dieser Funktion gehört Kantorowicz zu den Organisatoren des wichtigsten Ereignisses des französischen Exils: das ist der 1. Internationale Schriftsteller-kongress zur Verteidigung der Kultur, der im Juni 1935 in der Mutualité in Paris unter der Verantwortung des Schutzverbands deutscher Schriftsteller stattfindet.

Mehr als 3.000 internationale Besucher nehmen teil. Mehr als 250 Autoren und andere Persönlichkeiten aus 38 Staaten leisten aktiv Beiträge, unter ihnen die größten Namen der Weltliteratur jener Zeit. Da der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt ist, werden die Reden per Megaphon nach draußen übertragen.

Die Mitwirkung am Kongress ist der Höhepunkt der Geschichte der Bibliothek. Mehrere Personen, die sich in der Bibliothek engagieren, halten Vorträge. Zur gleichen Zeit wird in den Räumen der Bibliothek eine Ausstellung über die Bücherverbrennungen in Deutschland gezeigt, die von vielen Kongressteilnehmern besucht wird. Die Bibliothek und der Schutzverband deutscher Schriftsteller veröffentlichen gemeinsam die Publikation « Deutsch für Deutsche » – eine Sammlung von konspirativen Texten und Gedichten deutscher Autoren, die in Deutschland nicht mehr publizieren können. Diese Anthologie der Exilliteratur wird in Deutschland im Untergrund verteilt und auch in Frankreich verkauft. Sie gilt als deutscher Beitrag  zum Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur.

Nachdem die Bibliothek zu einem intellektuellen Zentrum des Exils geworden ist, weckt sie das Interesse der Kommunistischen Internationale, die 1935 im Kontext ihrer neuen Politik einer gemeinsamen Front gegen die Nazis eine kommunistische Funktionärin zur Direktorin der Bibliothek macht. Kantorowicz geht nach Spanien und kämpft dort auf der Seite der Republikaner – so wie viele Mitarbeiter und Nutzer der Bibliothek. Währenddessen bemächtigen sich die kommunistischen Funktionäre der Bibliothek. 1938 kehrt Kantorowicz nach Frankreich zurück, und er findet eine veränderte Bibliothek vor, die sich in einem Zustand der « Auflösung, Zerrissenheit und Feindschaft » befindet. Nach einigen Auseinandersetzungen gibt er auf und zieht sich nach Südfrankreich zurück, wo er sich dank der finanziellen Unterstützung seines Freundes Ernest Hemingway wieder seiner literarischen Arbeit widmen kann. So trennt Kantorowicz sich schließlich von der Bibliothek, die doch sein Werk war.

Bald nach Ausbruch des Krieges im September 1939 verbietet die französische Polizei den Schutzverband deutscher Schriftsteller und beschlagnahmt die Bibliothek. Die Mitarbeiter und Nutzer der Bibliothek verschwinden in den französischen Internierungslagern. Vermutlich sind es die deutschen Truppen, die die Bibliothek nach der Besetzung von Paris zerstören. Bis heute weiß man das nicht genau. 

Susanne Wittek, April 2011