Gustav Oelsner (1879 – 1956) hat mit seinen funktionalen,
gleichwohl ausdrucksstarken expressionistischen Ziegelbauten das
Stadtbild Hamburgs dauerhaft geprägt und die revolutionäre Ästhetik des
„Neuen Bauens“ mit sozialer Verantwortung im Städtebau verbunden. Er
hat in Hamburg mit Weitsicht und Hartnäckigkeit den Elbwanderweg geschaffen, der
von Neumühlen bis Wedel direkt am Ufer des Stromes verläuft, und dafür gesorgt, dass die großen alten Parks oben
über dem Hochufer öffentlich zugänglich sind.
Oelsner wurde als Sohn deutscher Juden in Posen (Westpreußen)
geboren. Seine Laufbahn als Architekt und Städtebauer führte ihn 1922
nach Altona, das damals noch eigenständige Nachbarstadt von Hamburg auf
preußischem Staatsgebiet war. In einer Doppelwahl wurden 1924 der
Sozialdemokrat Max Brauer zum Oberbürgermeister von Altona und der
parteilose Gustav Oelsner zum Bausenator gewählt.
Foto: Gustav Oelsner ca. 1950. Quelle: Peter Michelis (Hg.), Der Architekt Gustav Oelsner, Hamburg 2008
Die Doppelspitze machte sich daran, Altona zu einer eigenständigen
Architektur und einem lichtdurchlässigen, menschengemäßen Wohnungsbau
auch für die ärmere Bevölkerung zu
verhelfen. Oelsners nüchterne,
avantgardistische
Architektursprache löste heftige Kontroversen aus. Dem Aufbruch des
„Neuen Bauens“ machten denn auch die Nazis 1933 ein Ende. Sie
entmachteten und verhafteten den Altonaer Magistrat, erteilten Oelsner
ein Berufsverbot und versetzten ihn zwangsweise in den Ruhestand.
Einige seiner Gebäude, deren Ästhetik ihnen als „undeutsch“ galt,
verunstalteten sie mit
traditionellen Versatzstücken.
Foto: Koldingstraße und Koldinghof in Altona-Nord, 1928
Erst 1939, als die Nazis bereits schwerste Ausschreitungen gegen Juden verübt hatten, entschloss Oelsner sich
buchstäblich
in letzter Minute, ins Exil zu gehen. Sein langjähriger Freund Fritz
Schumacher, ehemaliger Oberbaudirektor von Hamburg, vermittelte ihm eine Stelle bei der türkischen Regierung,
die einen deutschen Fachmann für Städtebau suchte. Oelsner war nicht
der einzige, der in der Türkei Zuflucht fand. Denn die Verfolgung
der Juden durch die Nazis traf zeitlich mit der Gründung der türkischen
Republik durch
Kemal Atatürk im Jahr 1923 zusammen. Dies führte zu einer
gezielten Anwerbung qualifizierter Fachkräfte aus dem deutschsprachigen
Raum, die die Türkei in ihrer von Atatürk vorangetriebenen
Europäisierung unterstützen sollten.
In Ankara und Istanbul bekamen deutsche Emigranten die Möglichkeit, in Ausübung
ihres Berufes ihre materielle Existenz zu sichern – eine Chance, die
Intellektuelle und Künstler in anderen Exil-Ländern meist bitter
entbehrten. Im Gegenzug profitierte die junge türkische Republik von
dem Wissen und der Erfahrung, die die aus Deutschland vertriebenen
Akademikerinnen und Akademiker mitbrachten.
Foto: Oelsner auf einer Reise durch die Türkei, nach 1940. Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hbg
Gustav Oelsner genoss in der Türkei besonderes Ansehen. Er wurde ein hoch
geschätzter Berater und galt bald als ausgezeichneter Kenner des
Landes, der Respekt vor der dortigen Baukunst hatte und sich für
verbesserte Lebensbedingungen der Bevölkerung einsetzte. Als Professor
an der Technischen Hochschule in Istanbul konnte er sein Wissen und
seinen sozial orientierten Ansatz an die nachfolgende
Städtebauergeneration weitergeben. Er fasste Fuß in der Türkei und
fühlte sich dort zunehmend zu Hause. Dennoch verweigerte er sich 1948
nicht der Bitte des ehemaligen Altonaer und neuen Hamburger Bürgermeisters
Max Brauer, nach Hamburg zurückzukehren und am Wiederaufbau der
zerstörten Stadt mitzuwirken. Auch nach seiner Remigration blieb er der Türkei und ihren Menschen verbunden.